Rede anlässlich der EinÄscherung

von Anna Pröll am 01.06.2006

von Barbara Distel:


Anni Pröll in memoriam


Liebe Familie Pröll, liebe Freunde und Freundinnen von Anni Pröll,

Zwei Wochen vor ihrem 90. Geburtstag hat Anni Pröll diese Welt verlassen. Heute Morgen sind wir hier zusammengekommen, um Abschied von ihr zu nehmen.


Als der Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, Dr. Paul Wengert, Anni Pröll am 31. März 2003 bei einem Festakt im prachtvollen Festsaal des Augsburger Rathauses die Ehrenbürgerwürde der Stadt verlieh, hatte sie schon einen langen Weg hinter sich. Sie musste 86 Jahre alt werden, bevor sie auch in ihrer Heimatstadt die ihr angemessene offizielle Würdigung erfuhr. Dass ihr diese Genugtuung noch zuteil wurde, war sicherlich zu einem großen Teil der starken und positiven öffentlichen Resonanz zu verdanken, den Josef Prölls Dokumentarfilm „Anna ich hab Angst um Dich“ auslöste. Am 28.Februar 2002 war der Film im überfüllten Augsburger CinemaxX uraufgeführt worden.


„Es geht ein großer Zauber aus von Anni Pröll, die sich nie hat verbiegen lassen“, hiess es in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 2. März 2002, „Immer blieb sie sich treu. Als sie ihren Vater in Mutters Auftrag („Bring den Papa heim“) aus Veranstaltungen von Kommunisten herausholen sollte, dann aber zuhörte und für richtig fand, was sie hörte. Als sie wegen Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet wurde und zwei Jahre im Aichacher Frauengefängnis saß. Als sie mit Leidensgenossen im KZ Moringen trotzig sang: „Bei uns geht die Sonne nicht unter“. Als ihr Vater in Dachau ermordet wurde, die Brüder ihres Mannes in Dachau und Buchenwald starben und ihr Mann in Dachau, Natzweiler und Buchenwald ums Überleben kämpfte. Und auch als sich in Augsburg nach dem Krieg die Türen schlossen, wo die „KZler“ eine Wohnung suchten.“


Es war beileibe nicht das erste Mal, dass Anni Pröll vor einer Kamera über ihr Leben berichtete und in einfachen aber einprägsamen Worten das Schicksal schilderte, das jedes einzelne Mitglied ihrer Familie erleiden musste, nachdem Verbrecher in Deutschland an die Macht gekommen waren und ihre Schergen jederzeit unbescholtene Bürger aus ihren Wohnungen zerren und in Kerkern und Konzentrationslagern verschwinden lassen  konnten. Angst und Schrecken auf der einen Seite, Ausgeliefertsein und Verzweiflung. Standfestigkeit auf der anderen Seite, die Überzeugung das Richtige zu tun. Ein unverbrüchlicher Zusammenhalt in der Familie und die Solidarität unter den Geschundenen ermöglichten es auch Anni immer wieder, die notwendige Kraft zu finden, den Mut nicht zu verlieren und ein Stück Hoffnung aufrecht zu erhalten.


Dies alles hat Anni ihrem Sohn Josef, der nach dem Krieg geboren, im Schatten der schrecklichen Erinnerungen seiner Eltern aufgewachsen war, in einem 35 Stunden lang andauernden Gespräch vor der Kamera noch einmal berichtet. Sein 88-minütiges Filmdokument ist nun Annis endgültiges Vermächtnis an die Nachgeborenen, für die sie sich eine Welt ohne Krieg und Gewalt so sehr erhofft hatte.


Anni Nolan war am 30. Januar 1933 ein junges Mädchen von 16 Jahren, dem keine Zeit mehr blieb, das unbeschwerte Leben eines jungen Mädchens zu führen. In ihrer Augsburger Gruppe des kommunistischen Jugendverbandes, die mit Unterstützung von jungen Verbündeten aus München mit ihrem Widerstand gegen das Regime begann, war sie die jüngste. Auch im Zuchthaus und im Konzentrationslager war sie immer die jüngste unter den Häftlingsfrauen. Anni erweckte Mitleid und die mütterliche Zuneigung der älteren Frauen, die mit größerer Lebenserfahrung die Verfolgung erlebten. Als sie von Hunger und Dunkelhaft geschwächt für kurze Zeit ins Münchner Zuchthaus Stadelheim kam, versorgten sie ihre Mitgefangenen heimlich mit Essbarem. Im KZ Moringen erhielt sie Kleidung und zusätzliche Lebensmittel, die die Frauen in Paketen von Angehörigen zugeschickt bekommen hatten. Besonders die um sieben Jahre ältere Centa Beimler hatte „unser Nesthäkchen“ ins Herz geschlossen. Anni ist für Centa bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 das Nesthäkchen geblieben. Ihre besonders enge Freundschaft lag neben der gemeinsamen Haftzeit in Stadelheim und Moringen auch in ihren konspirativen Zusammenkünften während der Jahre 1941/1942 begründet, als Centa bis zu ihrer erneuten Verhaftung im März 1942 für die „Hartwimmer-Olschewski“-Widerstandsgruppe Kontakte von München nach Augsburg knüpfte.


Anni Pröll blieb natürlich auch nach Kriegsende und der Rückkehr ihres Mannes aus dem KZ Buchenwald die jüngste unter den überlebenden Häftlingsfrauen, die nach ihrer Befreiung weiter eng verbunden blieben. Lange Jahre, in denen sie zusammen mit ihrem Mann in einer Umgebung, die ihnen gleichgültig, abwehrend oder offen feindselig gegenüber stand, ein neues Leben aufbauen musste, boten ihnen neben den Familienmitgliedern die ehemals Verfolgten den wichtigsten emotionalen Halt.

Als sich das gesellschaftliche Klima der Bundesrepublik  langsam zu wandeln begann, fand das Schicksal der überlebenden Gegner und Opfer der nationalsozialistischen Diktatur zunehmendes Interesse vor allem bei jungen Menschen. Auch Anni Pröll begann, über die Reihen der ehemals Verfolgten hinaus, vor unterschiedlichsten Gruppen, vor allem aber in Schulen über ihr Leben und die Geschichte ihrer Familie und ihrer Freunde aus dem Widerstand zu berichten. Nach dem Tod ihres Mannes Josef im Jahr 1984 hat sie über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg beharrlich und unermüdlich Zeugnis über die Verbrechen abgelegt und ihrer Hoffnung auf eine friedliche Welt Ausdruck verliehen. Die Geschichte des junge Mädchens, das sie gewesen war und das sich mutig und kompromisslos den Henkern entgegenstellte und sich nicht zerbrechen ließ, blieb auch in einer sich rasant verändernden Welt von unverändert aktueller Bedeutung für die Grundfragen menschlichen Zusammenlebens. Auch das erst sehr spät entstandene Interesse an der spezifischen Geschichte von Frauen in den Jahren 1933-1945 trug dazu bei, dass Anni weit über den Augsburger Raum hinaus Zuhörer und Freunde fand.


Neben der Trauer über ihren Tod und den unwiederbringlichen Verlust, den er für jeden Einzelnen der ihr nahe stand, aber auch für unsere Gesellschaft insgesamt bedeutet, steht ihr Vermächtnis, das sie uns hinterlassen hat. Es wird schmerzhaft deutlich wie weit die Ziele, für die sie gekämpft hat, noch immer entfernt sind.

„Es ist nicht zu spät“ sagt sie im Film ihres Sohnes.

Barbara Distel