Trauerrede Oberbürgermeister der Stadt Augsburg
Dr. Paul Wengert für Frau Anna Pröll - Ehrenbürgerin der Stadt Augsburg
01.06.2006
Sehr geehrte Herren Rudolf und Josef Pröll,
liebe Angehörige, Weggefährten und Freunde der Verstorbenen,
sehr geehrte Trauergäste,
Betroffenheit, Trauer und Mitgefühl, aber vor allem Dankbarkeit haben uns
heute hier zusammengeführt, um Abschied zu nehmen von unserer Ehrenbürgerin Frau
Anna Pröll.
In wenigen Tagen wäre Anna Pröll 90 Jahre alt geworden. In ihrem Leben spiegelt
sich die Geschichte Deutschlands vom Kaiserreich bis heute wider. Augsburg war
ihr Lebensmittelpunkt, in Augsburg wurde sie 1911 geboren, hier hat sie nun
ihren Lebensweg auch vollendet.
Zeit ihres Lebens blieb sie in Augsburg
tief verwurzelt. Vor allem aber war Anna Pröll eine engagierte Demokratin und
Antifaschistin. Aufrecht und unbeirrbar hat sie gegen menschliche Not,
Unterdrückung, Intoleranz, Diskriminierung und Nazismus gekämpft. Die gebürtige
Pferseerin trat bereits zu Beginn des Dritten Reichs einem Kreis von jungen
Widerstandskämpfern bei, da sie von Anfang an die Gefahren erkannt hatte, die
vom nationalsozialistischen Regime ausgingen. Ihr Vater wurde im
Konzentrationslager ermordet, zwei Brüder ihres Mannes Josef Pröll starben in
Konzentrationslagern, einer von ihnen von eigener Hand, weil er befürchtete, bei
Folterungen Kameraden zu verraten. Sie selbst war jahrelang in Gefängnis und
Konzentrationslager inhaftiert. Ihr mutiges und selbstloses Eintreten für die
Freiheit und Würde des Menschen konnte dadurch aber nicht erschüttert werden.
Ebenso engagiert widmete sich Frau Pröll nach dem Zweiten Weltkrieg ehrenamtlich
sozialen Aufgaben und trug das Ihre dazu bei, in Not geratenen Menschen zu
helfen. Sie unterstützte Augsburger Familien, die durch Bombenangriffe ihr
gesamtes Hab und Gut verloren hatten. Zusammen mit anderen sozial engagierten
Frauen gründete sie in Oberhausen eine Nähstube, um Kinder und Jugendliche mit
Kleidung zu versorgen. Und sie gehörte als unbelastete Persönlichkeit dem am 5.
Oktober 1945 von der amerikanischen Militärregierung eingesetzten Stadtbeirat an
– dem Vorgängerorgan des Stadtrates. Sie half dabei mit, der schlimmsten Not –
verursacht durch die verblendete und verbrecherische NS-Ideologie – etwas
entgegen zu setzen.
Der besondere Einsatz von Frau Pröll galt den von ihr nie vergessenen
Mitbürgern, die mit ihr das schreckliche Schicksal von Terror und Verfolgung
durch die Hitler-Diktatur teilen mussten. Zusammen mit ihrem Mann Josef betreute
sie selbst bis ins hohe Alter über zwanzig ehemalige Augsburger Häftlinge und
Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.
In dem, was sie und ihre Angehörigen im sog. Dritten Reich durchlitten hatten,
sah Frau Pröll immer die Verpflichtung, in der in Deutschland wiedererstandenen
Demokratie unermüdlich, leidenschaftlich und kritisch für die Werte der
Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit einzustehen, die damals mit Füßen
getreten worden waren, um erneute Anzeichen von Intoleranz, Rassismus und Gewalt
bereits im Keim zu ersticken. Sie engagierte sich im Demokratischen Frauenbund
und in der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung. Ein besonderes Anliegen war es ihr,
als Zeitzeugin des Terrorregimes gerade jungen Menschen von der Unmenschlichkeit
zu berichten, die damals herrschte, und sie für die Ideale eines freien,
gerechten und friedlichen Gemeinwesens zu gewinnen.
Anna Pröll hat ihr ganzes Leben lang für Menschlichkeit, Frieden, Freiheit und
Toleranz gekämpft. Ihr uneigennütziges und vom Geist der Mitmenschlichkeit
erfülltes Lebenswerk steht - auch stellvertretend für viele unbekannt und
ungenannt gebliebene Mitglieder des Widerstandes gegen den NS-Terror - für die
Stärkung einer basisdemokratischen und am Gemeinwohl orientierten Gesellschaft
innerhalb der Bürgerschaft der Friedensstadt Augsburg. Die Stadt Augsburg hat
ihr dafür im Jahr 2003 die Ehrenbürgerwürde verliehen.
Wir sind Frau Anna Pröll für alles, was sie für ihre Mitmenschen getan hat, zu
bleibendem Dank verpflichtet. Für ihren Dienst und ihre Verdienste, für ihre
Warmherzigkeit und Offenheit, die alle spürten, die ihr begegnet sind, bekunde
ich heute im Namen der Stadt Augsburg und auch persönlich tiefen Dank und
größten Respekt vor ihrer außergewöhnlichen Lebensleistung.
Anna Prölls mahnende Stimme ist nun verstummt. Die Bürgerinnen und Bürger
Augsburgs werden ihrer Ehrenbürgerin stets ein ehrendes und dankbares Andenken
bewahren. Lassen Sie uns dem Satz Albert Schweitzers folgen, der einmal gesagt
hat: „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen
seiner Mitmenschen."
Möge Anna Pröll den Frieden finden, für den sie sich zeitlebens auf dieser Erde
eingesetzt hat.
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